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Wie ein grosser Stein, in dem wir täglich schleifen

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WIE ERREICHEN WIR DAS GLÜCK – FÜR UNS SELBST UND ANDERE MENSCHEN? GEDANKEN EINES VIETNAMESISCHEN BUDDHISTEN
Wo soll man nach Glück suchen? Diese Frage wurde mir schon oft gestellt. Es ist eine Frage, die mit dem geistigen und dem materiellen Leben zu tun hat. Viele Leute denken, dass man glücklich ist, wenn man viel Geld hat. Doch dieser Denkansatz ist falsch. Denn es gibt heute viele Millionäre und Milliardäre auf der Welt, die trotzdem nicht glücklich sind.

Viele materiell reiche Leute leiden unter Depressionen, sind krank an den Nerven, verüben Selbstmord. Natürlich stehen reichen Leuten im Gegensatz zu armen Menschen viel mehr Möglichkeiten offen, denn sie können, wenn sie mit Geld richtig umgehen, vieles erreichen. Heißt das, dass die Armen, die nicht viel Geld besitzen, besser als alle anderen Menschen sind?

Worin liegt denn der eigentliche Wert des Geldes? Geld ist lediglich ein Mittel. um das alltägliche Leben zu bewältigen, doch der Menschheit bringt es kein ewiges Glück.

Es gibt dann Leute, die denken, dass Schönheit die Menschen glücklich macht. Doch auch das ist nicht richtig. Schönheit vergeht von Tag zu Tag. Wir sehen gut aus, wenn wir jung sind, wenn wir noch keine Falten und noch keine weißen Haare haben. Doch werden wir von Tag zu Tag älter; wir bekommen einen gebeugten Rücken, die Schönheit hat uns längst verlassen. Leute, die weniger schön oder gesund sind, können sich durchaus sehr unglücklich fühlen. Doch wenn sie das Gesetz von Ursache und Wirkung verstehen, würde es dann für sie ein Trost sein?

Viele Leute meinen, dass Ruhm und Macht Menschen glücklich mache. Auch dieser Gedanke ist falsch. Denn es gibt keinen einzigen König, der für immer König bleibt, und keinen einzigen Herrscher, der die Welt für alle Zeiten regiert. Überall, wo Macht und Diktatur herrschen, gibt es irgendwann Revolutionen und Blutvergießen. Von Glück kann also auch hier keine Rede sein.

Es gibt noch viele andere Definitionen von Glück. Doch sie alle basieren letztendlich nur auf der materiellen Seite es Lebens. Wenn wir ein kleines naives Kind beobachten, sehen wir, dass es täglich bis zu hundertmal lacht. Wird es älter, lacht es immer weniger. Je älter man wird, desto nachdenklicher wird man. Es ist genau dieses Nachdenken, das uns alt und schwach macht. Deshalb gibt es viele Sprichwörter auf der Welt über das Lachen. »Lachen ist wie eine gute Medizin«, »Lachen bedeutet Glück«, »Das Lachen macht die Menschen gesund« …

Doch können wir nicht den ganzen Tag lachen. Würden wir das tun, würden die Leute auf den Gedanken kommen, wir seien geistig krank. Ein Erwachsener kann sich nicht wie ein kleines Kind benehmen. Was müssen wir also tun, um Glück in uns selbst zu finden?

Ich kenne viele Leute, die in ihren Familien unglücklich leben und dann versuchen, oft ins Kloster zu kommen oder in den Urlaub zu fahren, um ihre Probleme zu vergessen. Doch sie werden auch nicht glücklich, wenn sie in unser Kloster kommen oder aus dem Urlaub zurückgekehrt sind. Und dar¬in liegt auch ein Grund, warum sich viele Menschen von den heiligen Stätten fernhalten. Sie denken, dass ihnen die Religion auch nicht weiter helfen kann, und sind enttäuscht. Ich kenne viele Leute, die ihr Glück nicht gefunden haben. Sie sind der Alkohol und Medikamentensucht verfallen. Sie wollen auf diese Weise ihr Leben und ihre Umwelt vergessen. Doch ich weiß, dass gerade sie die unglücklichsten Menschen sind. Anstatt von den Problemen wegzukommen, häuft sich bei ihnen das Unglück.

Wir sollten versuchen, den wahren Wert des Lebens in uns selbst zu suchen, um unser eigenes Glück zu finden, das uns nie mehr verlassen wird. In der Regel suchen wir unser Glück immer außerhalb von uns, bei anderen. Wenn wir uns dessen bewusst wären, würde die Welt weniger zu leiden haben und das Leben mehr Sinn machen.

In Meditationsübungen, die ich anleite, erkläre ich den vietnamesischen und deutschen Teilnehmern oft, dass unser Körper wie ein Glas Wasser und unser Geist wie das Wasser im Glas sei. Würden wir jeden Tag, jede Stunde mit unseren Gedanken, den bewussten oder unbewussten, das Wasser im Glas in Bewegung bringen, würden wir den Schmutz an die Wasseroberfläche bringen. Dieser Schmutz ist vergleichbar mit unseren drei Geistesgiften: Gier, Hass und Verblendung. Wenn wir das Glas Wasser still an einen Platz stellen, bedeutet dies, dass wir unseren Geist durch die Meditation und die Achtsamkeit zur Ruhe bringen und dadurch den Schmutz nicht an die Oberfläche bringen. Sie werden zu uns kommen, da wir nicht mehr ärgerlich oder grimmig sind.

Doch wäre der Schmutz immer noch am Boden, würde dies bedeuten, dass Gier, Hass und Verblendung noch immer in unserem Geist vorhanden wären. Der Schmutz wäre nicht an der Wasseroberfläche zu sehen, er würde am Boden liegen.

Ähnlich verhält sich unser Geist. Unser Geist. noch mit Gier, Hass und Verblendung befleckt, wird irgendwann, aufgrund einer inneren U muhe, den Schmutz an die Oberfläche bringen. Und es wird wieder einen Sturm von Gier, Hass und Verblendung geben. Dies bedeutet, dass unser Glück nur für kurze Zeit andauert. Nur ist das Glück in uns selbst besser als alles andere Glück, das wir außen zu finden suchen.

Was müssen wir tun, um das Glück dauerhaft zu behalten? Wir müssen dafür sorgen, dass der Schmutz aus dem Wasser verschwindet. Wir brauchen viel Zeit. um den Schmutz, der sich über lange Zeit angesammelt hat. wegzuspülen. Genau soviel Zeit brauchen wir, um unseren Geist von Gier, Hass und Verblendung, die wir aus mehre¬ren Leben angesammelt haben, zu befreien. Um das Glück zu erreichen, müssen wir uns auf unsere eigene Kraft besinnen. Wir benötigen Entschlossenheit und einen starken Willen, um sie zu gebrauchen und unseren Geist in einen glücklichen Zustand zu bringen.

Manchmal können wir sehen, dass unsere Mitmen¬schen sorgenfrei und glücklich sind. Warum sind wir es nicht? Warum lachen wir nicht so sorgenfrei wie sie? Es gibt dafür nur einen Grund: Wir haben unseren Geist nicht rein gehalten. Wäre unser Geist rein und ruhig, so wäre auch unsere Außenwelt rein und ruhig.

An dieser Stelle muss betont werden, dass die Außenwelt dem menschlichen Geist untergeordnet ist und nicht umgekehrt. Der Geist spielt die Hauptrolle, die Außenwelt wird durch ihn beeinflusst. Viele Menschen betrachten die Außenwelt als das Wesentliche und vertiefen sich in sie, ohne darüber nachzudenken, dass das ewige Glück
ausschließlich in unserem Geist existiert. Wir müssen uns anstrengen, wenn wir unsere Kraft für den Kampf gegen die Gier, den Hass und die Verblendung einsetzen wollen. Wir bekommen diese Kraft durch die Meditation, das Rezitieren der Sutren, das Büßen und die Rezitation der Buddha-Namen. Diese vier Praktiken sind wie ein starker Laserstrahl. der den dicken und undurchdringlichen Vorhang der drei Geistesgifte zerstört. Durch diese Praktiken gewinnen wir an Weisheit. Wir sind es selbst. die uns aus dem Sumpf ziehen müssen. Meditation bedeutet Achtsamkeit. Wir können sie überall praktizieren. Wir müssen auch nicht unbedingt sitzen oder dafür ins Kloster gehen. Wir können die Meditation nicht nur im Sitzen. sondern auch im Stehen, Gehen, Liegen, bei der Unterhaltung. bei der Arbeit. beim Denken praktizieren. Mit anderen Worten: Wir können zu jeder Zeit und bei jeder Tätigkeit meditieren.

Wir sollten dabei wissen, dass wir alle Gedanken in unserem Geist kontrollieren können. Der Geist ist die Quelle von guten und schlechten Taten. Selbst wenn wir unseren Geist nur für einige Minuten kontrollieren, können wir feststellen, dass wir für diese Augenblicke glücklich sind. Es ist wie beim Essen: Oft essen wir, achten dabei aber nicht auf das Essen. Statt dessen denken wir an andere Dinge. Wie können wir dann glücklich sein? Auch beim Gehen, Stehen, Liegen, Sitzen und bei der Arbeit fehlt uns die rechte Achtsamkeit. Beim Stehen denken wir an das Sitzen, beim Sitzen denken wir an das Gehen und so weiter. Wir sind dauernd in Bewegung und lassen uns von der Außenwelt mitziehen: Wir haben es niemals geschafft. uns selbst zu kontrollieren, und müs¬sen daher weiter leiden. Das Glück wird so niemals von selbst zu uns kommen.

Achtsamkeit bedeutet, dass wir uns zum Beispiel beim Essen bewusst auf das Essen konzentrieren, also wissen, was und dass wir gerade essen. Beim Sitzen sollten wir uns bewusst sein, dass wir gerade sitzen. Bei der Arbeit sollten wir uns bewusst sein, dass wir gerade arbeiten. Achtsamkeit bedeutet, dass wir jede Tätigkeit und jede Bewegung kontrollieren können.

Achtsamkeit kann man auch beim Rezitieren der Sutren üben. Rezitieren bedeutet das Wiederholen einer Lehrrede in Achtsamkeit. Tun wir dies nicht mit Achtsamkeit kann man diese Praktik nicht mehr Rezitieren nennen. Können wir aber zum Beispiel die Mantren bis zu einem perfekten Grad, das heißt in Achtsamkeit. rezitieren, dann wird die Kraft der Achtsamkeit uns bei der Vernichtung von Gier, Hass und Verblendung sehr nützlich sein, und es wird uns vieles im Leben gelingen. Wir können dann nicht nur uns selbst, sondern auch andere Menschen heilen und gute Taten vollbringen.

Diese Taten sind vergleichbar mit den Taten der Bodhisattvas. Bodhisattvas sind erleuchtete Wesen, die ihren Eintritt ins Nirwana verschieben, um anderen Lebewesen dabei zu helfen, ein Buddha zu werden. Erst wenn alle Lebewesen Buddhas

geworden sind, gehen sie ins Nirwana ein. Das Glück der Lebewesen bedeutet daher zugleich das Glück der Bodhisattvas. Ihnen ist klar, dass sie allen Lebewesen helfen müssen, um sie von ihrem Leid zu befreien. Die Lebewesen sind die Bodhisattvas, und die Bodhisattvas sind die Lebewesen.

Es gibt viele intelligente Menschen mit ansehnlichen Titeln. Sie sind aber manchmal zu sehr ihrem Ruhm verhaftet und beurteilen alles nach den Maßstäben ihres illu¬sionären Selbst. So werden sie traurig oder gar wütend, wenn jemand sie aus Versehen nicht mit ihren Titeln anredet. Doch damit haben sie sich selbst schlecht und auch unglücklich gemacht. Ihr Problem ist, dass sie ihr Selbstbewusstsein nach dem verhalten anderer ausrichten.

So dergleichen auch wir zum Beispiel oft die Blumen miteinander und meinen, die eine Blume sei schöner als die andere, denken aber nie daran, dass jede Blume auf ihre Art die schönste ist. Wir wissen nicht, dass eine Blume um so schöner ist, je schmutziger der Ort ist, an dem sie wächst. Nehmen wir als Beispiel den Lotus. Er wächst nicht an einem reinen Ort, sondern dort, wo viel Schlamm und Schmutz ist. Trotzdem duftet diese Blume sehr, und viele Menschen mögen sie.

Genauso soll es mit unserem Geist und unserer Buddha-Natur geschehen. Die Erleuchtung hat erst ihren großen Wert. wenn wir unseren Geist und unsere Bud¬dha- Natur aus diesem leidhaften Wesen entwickeln kön¬nen. Wenn der Lotus aus einem reinen Ort wachsen würde und einen herrlichen Duft haben würde, wäre das nichts Besonderes.

Wenn wir gute Taten vollbringen, bußfertig bleiben, achtsam mit den Menschen und den Dingen der Welt umgehen, wenn wir nicht egozentrisch leben, dann werden wir große Weisheit gewinnen. Die Weisheit ist die Helligkeit, das Licht. Die karmisch guten Taten sind dagegen nur wie eine Glühbirne oder Kerzenwachs. Die Glühbirne wird eines Tages kaputtgehen genauso wie die Kerze, die irgendwann ausgehen wird. Doch das Licht wird ewig sein, wenn es rechtzeitig an eine andere Lichtquelle weitergegeben wird. Auch wenn das ursprüngliche Licht an mehrere Quellen weitergegeben wird, wird seine Energie dadurch nicht vermindert. So ist es mit der Weisheit: Sie geht nicht verloren, sie wird von Menschen zu Menschen und von den Bodhisattvas zu den Menschen weiter getragen.

Was ich hier schreibe, liest sich eigentlich ganz einfach, doch es verlangt von uns sehr viel Übung und Ausdauer. Nehmen wir einen Stein: Wenn wir einen runden Stein aus ihm ma¬chen wollen. müssen wir ihn fleißig schleifen. Je heißer der Stein wird, desto größer ist sein Wert denn viel Kraft wird da von uns verlangt. So ist es auch mit unserer täglichen Praxis. Je angestrengter wir uns bemühen, desto größer ist unser Glück.

Natürlich können wir diese Vollkommenheit nicht an einem Tag erreichen, denn wir haben durch unsere unzähligen Vorleben zu viel schlechtes Karma angesammelt. Wir sind immer noch in den Kreis der Wiedergeburten eingebunden. Aber wenn wir jetzt zu uns selbst zurückkehren und uns anstrengen, unseren Geist zu reinigen, dann haben wir schon einen bedeutenden Schritt vorwärts getan. Egal wie groß der Stein sein mag – wenn wir ihn täglich schleifen, werden wir ihn eines Tages ganz wegschleifen können. Die Frage ist. ob wir bereit sind, bei dieser schweren Arbeit den Anfang zu setzen. Alles hängt von uns ab.

Zusammenfassend: Das äußerliche Glück kommt nur für kurze Zeit zu uns, dann geht es wieder von uns. Das innere Glück, das wir wirklich wollen und möglichst lange behalten möchten, müssen wir uns selbst schaffen. Das äußerliche Glück kann man kaufen, das innere Glück nicht. Wir müssen dieses innere Glück selbst für uns finden, wir können dabei nicht auf die Hilfe von anderen hoffen. Wenn jeder von uns zu sich selbst finden würde und sein Glück aus dieser leidhaften, zerstörten Welt heraus zu suchen bemüht wäre, dann wäre das eine gute Tat. die den Frieden bringen und alle Menschen glücklich machen würde.

Ich habe diese Zeilen für Sie als kleines Geschenk zum »Jahr der Maus« geschrieben. Vielleicht sind unter den Lesern einige, die ihr verlorenes Glück wieder finden werden. Ich hoffe, dass meine Gedanken zur jeder Entdeckung des verlorenen Glücks im Sinne des Buddhismus helfen mögen: Damit wir alle in rechter Aufmerksamkeit leben können und das Leben von Tag zu Tag wertvoller wird.

Bhikshu Thich Nhu Dien

(Aus dem Publik – Forum * Extra/ 1996 – Zeitung kritischer Christen mit dem Thema „Meditation: Den Atem Spüren, Den Alles Durchdringt“, Seite 21 – 23)

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