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Meditieren im Messezentrum

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Die Presse am Sonntag – Osterreich 11

Meditieren im Messezentrum
Buddhistischer Meditations- rundgang durch Wieselburg /// Michaela Bruckberger

Seltene Gäste: 918 Buddhisten aus aller Welt haben sich in der Messe Wieselburg versammelt, um gemeinsam zu beten und meditieren.

Agrarmesse, Feuerwehrfest oder gar die Österreichische Bundesschau von Fleischschafrassen, Merinolandschafen und Juraschafen – so kennen die Wieselburger ihr Messezentrum. Die Themen der Veranstaltungen, die in den 13.000 Quadratmeter großen Hallen stattfinden, sind den Niederösterreichern meist vertraut. Bei der jüngsten Veranstaltung dürfte das nicht ganz so gewesen sein. 918 Buddhisten quartierten sich in der Zeit von 22. bis 31 Juli in den Hallen der Messe Wieselburg ein, um zu meditieren, beten und lehren. Die Vereinigung vietnamesischer Buddhisten in Europa (CBVUE) hat zum 23. internationalen buddhistischen Seminar geladen.

„Wir halten unser Seminar jedes Jahr in einer anderen europäischen Stadt ab. Heute haben wir es endlich nach Österreich geschafft. Immerhin ist hier der Buddhismus seit 1983 als Religionsgemeinschaft anerkannt“, sagt Thich Minh Tam. Der Präsident der französischen Buddhisten-Vereinigung hat unter einem Wieselburger Volksfest-Plakat Platz genommen. Warum man für das Seminar ausgerechnet die 3.700-Seelen-Gemeinde Wieselburg ausgewählt hat, hat mit Organisatorin Dinh Kim Dung zu tun. Die Vietnamesin lebt seit 30 Jahren in Österreich – in Wieselburg hat sie ihren ersten Deutschkurs absolviert. „Die Menschen hier sind sehr hilfsbereit und unterstützen uns. Und die Landschaft bietet viel Ruhe, da kann man gut meditieren“, sagt Dinh. Außerdem bieten die Räumlichkeiten ausreichend Platz, immerhin übernachten die rund 900 Teilnehmer auch in den Messehallen. Rotes Kreuz und Bundesheer haben dafür Feldbetten zur Verfügung gestellt. Hauptgrund dafür ist das Beisammensein. „Es ist auch nicht so leicht, einen Platz zu finden, wo man für rund 1000 Menschen rein vegetarisch kochen kann“, sagt Dinh.

Buddhistische Jungschar. Die Teilnehmer kommen aus 18 europäischen Ländern sowie Australien, USA, Kanada und natürlich Vietnam. Rund 100 davon sind Mönche und Nonnen. Aber auch Laien und „einfache Buddhisten“ sind darunter. Für die Kinder gibt es ein eigenes Unterhaltungsprogramm. „Das ist wie bei den Pfadfindern oder Jungschar. Nur das hier die Buddhistische Lehre vermittelt wird“, sagt Thich Nhu Dien, Generalsekretär der CBVUE, während er durch die Hallen führt. An den Wänden der Kinderecke hängen bunte Buddha Bilder. Ansonsten sind die Seminarräume kaum geschmückt. Lediglich Schriftbanner mit buddhistischen Lehren hängen an den Wänden. Allerdings sind diese – ebenso wie die Hinweisschilder bei der Anmeldung – auf Vietnamesisch gehalten. Einheimische Wieselburger sind zwar willkommen und dürfen gerne in die buddhistische Welt eintauchen, wirklich zurecht finden dürften sie sich hier aber nicht.

Auch einen kleinen Markt gibt es für die Seminarteilnehmer. Dort werden buddhistische Lehren, aber auch Musik-CDs, Lippenstifte oder Maiskolben verkauft. „Für jene, denen die drei Mahlzeiten nicht reichen“, sagt Thich. Ein eigenes Video-Team dokumentiert die Veranstaltung, damit sich die Gläubigen ein Andenken mitnehmen können. „Gegen eine Spende. Wir haben ja keine Kirchensteuer“, so Thich. Kaum hat er den Satz ausgesprochen, ertönt auch schon ein lauter Gong. Er ruft zum Mittagessen, das nicht ohne Gebet und Meditation abläuft.

Gelebte Rollenklischees. Dort wird deutlich, dass auch bei den Buddhisten Rollenklischees gelebt werden.
In der Küche tummeln sich hauptsächlich Frauen. Die hohen Vertreter, die in der großen Halle auf einem Podest Platz nehmen um das Mittagsgebet anzustimmen, sind ausschließlich männlich. Es wird kurz auf vietnamesisch gebetet und meditiert. Bevor sich die in orangen, braunen oder grauen Kutten gekleideten Gläubigen über ihre Reisschalen beugen, wird jeweils dem Sitznachbarn ein Löffel Reis gereich. „Das ist eine Geste des Teilens“, erklärt Dinh.

Dass vor diesem Ritual auch meditiert wird, würde dem Laien gar nicht auffallen, so schnell geht es. „Wir meditieren beim Essen, Gehen und Schlafen“, sagt Thich. Allerdings brauche das Übung. Die ersten vier, fünf Jahre ist man nur damit beschäftigt, sich auf die Atmung zu konzentrieren.

Nach dem Mittagessen beginnt der Meditationsrundgang. Die Mönche spazieren Gebete murmelnd aus der Halle, vorbei an den Eisenbahnschienen der ÖBB. Ein paar Minuten später sind sie im bunt geschmückten Zeremoniensaal angelangt, um dort ein gemeinsames, kurzes Gebet abzuhalten. Die Niederösterreich-Halle ist kaum wiederzuerkennen. Morgen wird der buddhistische Schmuck wieder abgehängt und die Halle für die nächste Veranstaltung fit gemacht: das Wieselburger Feuerwehrfest.

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