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Interreligiöser Dialog

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Vorgetragen durch Ehrwürdiger Thich Nhu Dien

In der langen Zeit, in der ich in Deutschland lebe, habe ich zahlreiche Kontakte zu Vertretern anderer Religionen knüpfen können, sowie zu diakonischen und karritativen Verbänden. Ich kann behaupten, dass der interreligiöse Dialog einen wichtigen Platz in meiner Arbeit mit der deutschsprachigen Öffentlichkeit einnimmt. Bevor ich aber tiefer in das Thema einsteige, möchte ich zuvor einleitende Worte über die buddhistische Religion verlieren.

In den letzten Jahren nahm das Interesse am Buddhismus in Europa, vor allem in Deutschland, deutlich zu. Man kann aber wohl davon ausggehen, dass nur die wenigsten hier im Westen tieferen Einblick in die Lehren des Shakyamuni Buddha haben. Bei uns in der Pagode kommen immer wieder Deutsche vorbei, die nach den Öffnungszeiten unseres Restaurants fragen.

Dies mag wohl daran liegen, dass es viele chinesische Restaurants gibt, die Pagode heißen, wenn ich aber dann diesen Leuten er­kläre, dass wir kein Restaurant sind, sondern eine buddhistische Kirche, schauen sie mich meist erschreckt an, hasten zu ihrem Auto und fahren eiligst von dannen. Sie müssen wirklich einen riesigen Hunger haben!

Seit gut 400 Jahren wurde der christliche Glaube in Asien verbreitet und heute haben viele Asiaten eine Vorstellung vom christlichen Glauben. Der Buddhismus in Deutschland kann auf eine nicht ganz so lange Geschichte zurückblicken und so möchte ich in aller Kürze auf den Buddha und seine Lehre eingehen.

Buddha war kein Gott, er war ein Mensch, eine historisch erwiesene Persönlichkeit, die 500 Jahre vor Christus in Indien ge­lebt hat. Als Prinz Siddharta Gautama erblickte er das Licht der Welt. Mit 29 Jahren, trotz seines angenehmen Lebens am Hof seines Vaters, überkamen ihm Zweifel und eine grosse Unzufriedenheit. Durch vier besondere Erlebnisse erkannte er die wahre Leidhaftigkeit der Existenzen und beschloss einen Weg zu suchen, der ihn von den Leiden befreien würde. Er zog in die Hauslosigkeit, d.h., er gab alles auf, ließ alles hinter sich, verließ seine Familie, seine Reichtümer. Am Fuße des Himalaya Gebirges dann, praktizierte er sechs Jahre lang die extremsten Übungen und den extremsten Verzicht, aber ohne ein entsprechend befriedigendes Ergebnis zu erreichen. Als er nach diesen Jahren des anstrengenden Übens nach Bodh Gaya kam, konnte er schließlich unter dem Bodhi Baum die Erleuchtung erlangen. So wird er von seinen Schülern Buddha genannt, was soviel heisst, wie „jemand, der erwacht ist; jemand der die Natur der Phänome durchschaut, verstanden hat, in ihrer vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Form“. Das konnte der Buddha mit seiner Weisheit, mit seinem erwachten Verstand sehen, während wir, die normalen Menschen, häufig nicht einmal unseres augenblicklichen Zustandes bewusst sind.

Die Reine Land Schule, der ich angehöre, stützt sich in der Hauptsache auf einige ausgewählte Sutras, von denen das Lotus-Sutra das wichtigste ist. In diesem Sutra hat der Buddha gesagt, dass alle Buddhas, die auf diese Welt kommen werden, den Wesen den Weg zur Erlösung, zum Verständnis zeigen werden. So ist der Buddha gewissermaßen ein Lehrer, der seinen Schülern vermittelt, wie sie die vielen Prüfungen des Lebens bestehen können und wie sie die Methoden und Mittel anwenden können, wenn sie die höchste Prüfung, die Erleuchtung, meistern wollen.

Der Buddha wird aber auch häufig mit einem Arzt verglichen, u.a. im Lotus-Sutra, der seinem Patienten wirksame Heilmittel an die Hand gibt, um sie von ihren Krankheiten zu befreien. Jeder Mensch kann des Buddhas Medizin einnehmen, wenn er den Wunsch hegt, sich von seinen Krankheiten zu befreien. Es hängt von jedem Einzelnen selber ab, wie stark sein Wunsch nach Genesung ist, bzw., wie stark sein Krankheitszustand ist. Gemäß Krankheitszustandes brauchen manche nur wenig von der Medizin des Buddhas einzunehmen, manche aber dafür umso mehr. Es ist wie mit dem Regen, wenn er vom Himmel fällt. Egal wo er hinfällt, ob auf Wiesen, Felder oder Wälder, es ist derselbe Regen. Manche Pflanzen nehmen viel von dem Regen­wasser auf, manche nehmen weniger, je nachdem wieviel sie benötigen.

Meiner Meinung nach waren alle Religionsstifter darum bemüht, ihren Anhängern einen Weg aufzuzeigen, wie sie sich von den Leiden und Krankheiten befreien könnten. Aber die meisten Menschen lehnen die uns angebotene Medizin ab, weil sie uns zu bitter erscheint, weil sie uns nicht schmeckt. Deshalb können auch nicht die vielen Krankheiten der Wesen geheilt werden. Und weil wir dies nicht verstehen, bleiben wir in unserem Denken verhaftet und sind nicht in der Lage die Lehren anzunehmen, sie zu praktizieren und die Leiden zu kurieren. Ich bin auch der Ansicht, dass uns die Religionsführer zu einem guten Ziel führen wollten. Aber nur diejenigen, die die entsprechenden Voraussetzungen, wie ich schon erwähnte, den entsprechenden Wunsch oder die Motivation haben, können erkennen, dass es sich lohnt den Weg zu diesen Zielen einzuschlagen. Fehlt diese geistige Größe, dann fehlt die Motivation und die Möglichkeit der Befreiung kann nicht erkannt, der Weg dorthin nicht beschritten werden.

In Vietnam gibt es schätzungsweise 80% Buddhisten, 10% Christen und 10% die keiner bzw. kleinen Religionsgemeinschaften angehören. Diese 80% Buddhisten gehen natürlich nicht regelmäßig in die Pagode. Das ist so wie in Deutschland, wo die Mehrheit der Bevölkerung Christen sind und die meisten davon höchstens zu Weihnachten und Ostern in die Kirche gehen. Die Buddhisten in Vietnam sind aber nicht nur Buddhisten. Ähnlich wie in Japan, wo sich der Buddhismus mit Elementen des Shintoismus verband, fand früh in der Geschichte des Buddhismus in Vietnam eine Aufnahme konfuzianischer und taoistischer Elemente statt. In diesem Zusammenhang spricht man in China und Vietnam auch von „Tam Giao“. „Tam“ heisst drei und „Giao“ heisst Lehre/Religion. Fragt man in Vietnam jemanden nach seiner Religion, so würde er wahrscheinlich antworten, er sei Buddhist. Würde man ihn fragen, was er vom Konfuzianismus halten würde, so würde er mit Sicherheit antworten, er sei auch Konfuzianer und obendrein noch Daoist. Es gibt vietnamesische Familien, wo der Mann Buddhist ist, die Frau katholisch und die Kinder protestantischen Glaubens. In Deutschland haben einige vietnamesischen Familien sowohl einen Altar für Buddha als auch einen für Jesus Christus und meist sogar noch einen für Konfuzius.

Die buddhistische Religion zeichnet sich vor allem durch ihre Offenheit und Freiheit aus. Es hängt von der Einstellung des Ein­zelnen ab, wie er sich entwickelt, wie er die Lehre des Buddha umsetzt. Ist er fleissig, so kann er schnell sein Ziel erreichen; ist er faul und träge wird es ein langer und beschwerlicher Weg. Die Entwicklung ist unabhängig von der Lehre des Buddha und vom Buddha, Buddha hat darauf keinen Einfluss. Dies haben auch nicht nur die buddhistischen Meister. Sie zeigen im Sinne der Buddhas mit dem Finger auf das Ziel, aber den Weg müssten dei Schüler schon selber gehen. Verläuft sich der Schüler, gibt es da niemanden der ihn zurück trägt, höchstens jemanden, der ihm den Weg in die richtige Richtung beschreibt. Im Buddhismus gibt es keine Strafen und es gibt kein Verzeihen. Es gibt Mitleid, aber die Fehler sind immer eine persönliche Angelegenheit, sie können von einem Dritten nicht getilgt werden. Der Weg im Buddhismus ist ein Weg nach Innen, um Verständnis und Erkennen über die Natur unseres Geistes zu erlangen. Das ist ein Weg, den man nur alleine beschreiten kann. Wenn wir auf diesem Weg unseren Geist, unser Bewusstsein lernen zu begreifen und zu verstehen, dann sind wir in der Lage, den Geist zu lenken und zu kontrollieren. Es gibt viele Menschen, die die Fehler von Anderen zu erkennen glauben. Diese Menschen kritisieren dann ohne Überlegung und ohne sich über die Folgen im Klaren zu sein. Sie verletzen die Anderen, obwohl es eigentlich gar nicht ihre Absicht ist. Solchen Menschen ist es meist nicht vergönnt die eigenen Fehler zu erkennen und sie zu begreifen, sonst würden sie einen Weg zu innerer Gelassenheit einschlagen, der sie von den eigenen Krankheiten und Leiden befreit.

Für den Asiaten erscheint der Deutsche als ein nicht überaus fröhliches, optimistisches und gelassenes Wesen. Vielleicht weil Schopenhauer nicht in Asien war, kam er deshalb zu dem Schluss, dass die buddhistische Religion pessimistisch sei. Dabei ist die Erkenntnis, dass die Welt mit Leiden behaftet ist an sich keine pessimistische Einschätzung, eher eine realistische. Wir Buddhisten vestehen es halt nur dies zu erkennen und wenden die geeigneten Mittel an, um uns von diesen Leiden zu befreien. Was wir anstreben, ist der Weg der heiteren Gelassenheit inmitten dieser leidhaften Welt, aber keine Weltflucht. Es ist wie der Lotus, der aus schlammigen Grund wächst und an der Wasseroberfläche die schönsten Blüten treibt.
Andere Religionen haben uns Buddhisten auf dem Feld des sozialen Engagements einiges voraus. In anderen Bereichen kön­nen diese aber von den Buddhisten noch lernen, wie von den buddhistischen Ansichten über die Vergänglichkeit, das Leiden, die Ichlosigkeit, die Erlösung und den Methoden, wie die Meditation, die uns dorthin führen. Heute, wo die modernen Transport- und Kommunikationsmittel Austausch auf wirtschaftlicher und kultureller Ebene ermög­lichen, ist es für mich sehr schön zu sehen, wenn buddhistische Mönche christliche Klöster im Westen besuchen. Umgekehrt, weiss ich aus einem Fernsehfilm von Mönchen des Franziskaner-Ordens bei München, die in Japan buddhistische Meditation studieren.
Vor Kurzem war ich zu einem Vortrag in Schönbrunn eingeladen. In diesem Kloster gibt es ein wunderschönes „Zen-Do“. Ein Zen-Do ist ein Raum für die Meditation. Er war eingerichtet wie einer in Japan, mit Tatamis und schönen Sitzkissen. In der Mitte des Raumes befand sich ein Bild des Yin und Yang Symbols, des Symbols von der Aufhebung der Dualität. Links und rechts von dem Bild befanden sich je ein Bild eines katholischen Kardinals und eines japanischen Zen-Meisters. Darüber hinaus isst man in diesem Kloster rein vegetarisch, also man lebt dort wie in einem buddhistischen Kloster in Asien.

Neben solchen interreligiösen Kontakten, habe ich selber viele Beziehungen zu Priestern und Pfarrern von den beiden großen christlichen Traditionen in Deutschland. Wir treffen uns häufg und tauschen uns aus über bestimmte Themen.

Für mich sind die Religionen wie schöne Blumen. Sie bieten dem Menschen Zeit zum Verweilen und Betrachten, Gelegenheit für Freude oder Trauer. Sie müssen gehegt und gepflegt werden, sonst vergehen sie. Man kann sie auch kritisieren und ab­lehnen, man kann sie aber auch mit nach Hause nehmen, um sie in den eigenen Kulturgarten zu pflanzen.

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